Montag, 20. Dezember 2010

Musik an.

Blind Guardian - Valhalla.

Ich befinde mich auf dem Weg zu meiner neuen Arbeitsstelle. Was heißt zu meiner neuen, zu meiner wirklich ersten: Meinem Zivildienst im Kindergarten. Ich trete auf einen Stein auf dem ohnehin schon holprigen Kopfpflasterfußweg in meiner Straße. Ich mache einen Ausfallschritt nach rechts. Vom Weg komme ich allerdings nicht ab. Es ist ein frischer Morgen. 5°C und dichter Nebel. Keiner dieser Nebel, bei denen man die Hand vor eigenen Augen nicht mehr sieht, aber doch dicht. Ich gehe über Straßen, laufe auf Fußwegen, die Musik bestimmt meinen Rhythmus, verändert meine Mine je nach Stimmung. Ich sehe in der Ferne einen Baum einsam auf einem Feld stehen. Durch den Nebel kann ich leider nur Schemen wahrnehmen. Komisch, er ist mir noch nie aufgefallen. Ich lief diesen Weg schon so oft in meinem Leben, doch noch nie ist mir dieser Baum aufgefallen, der sicher ein toller Erholungsort nach einem warmen Sommertag wär. Einfach nur drunter liegen und schauen wie die Wolken vorbeiziehen.

Rammstein - Herzeleid.

Ich komme einem Kreisverkehr immer näher. Aus den Nebelschwaden kann man erst nur die Scheinwerfer der Autos sehen, dann die Umrisse, dann jedes Detail an den Vehikeln. Mir fällt auf, was Kreisverkehre doch eigentlich für komische Dinger sind. Manche schnippen noch gerade so kurz vor jemandem in ihn herein, einige sind enorm vorsichtig und fahren manchmal sogar erst, wenn der Kreisel vollkommen verwaist ist. Manche blinken beim Hineinfahren, obwohl es falsch ist. Manche blinken regelgemäß beim Ausfahren. Manche blinken gar nicht und manche beim Befahren und beim Verlassen des Kreisels. Manche fahren sogar mehr als eine Runde im Kreisverkehr, ob aus Spaß oder Orientierungslosigkeit. Einige nehmen die erste Ausfahrt, einige die zweite, nur wenige die dritte und die meisten die letzte aus deren Richtung ich komme. Dabei ist die Straße in die die wenigstens Autos fahren meines Erachtens die schönste…
Die meisten halten nie an, wenn ein Fußgänger am Kreisverkehr vorbei will. Pflicht ist es nur beim Herausfahren, aber das macht eigentlich niemand. Beim Hineinfahren schon mehr, aber trotzdem kaum jemand. Dabei ist es eine so kleine Geste über die sich jeder Fußgänger freut. Letztendlich hat jeder seine eigene Methode einen Kreisverkehr zu passieren. Jede Minute werden in einem Kreisverkehr etliche Gebote der StVO gebrochen. Doch am Ende ist das egal, denn fast alle kommen heil wieder heraus, kaum einer verfährt sich und die Unfallquoten in Kreisverkehren sind erschreckend gering. Schön, wenn ein Prinzip auf einfache, aber immer wieder unterschiedliche Weise funktioniert.

Serj Tankian - The Unthinking Majority.

Ein Stück weiter sehe ich ein Schild mit der Aufschrift „Grundstück zu verkaufen“. Ich habe mich eigentlich an den Anblick dieses Schilds gewöhnt, es hängt schon ewig dort, aber heute habe ich irgendwie Augen dafür. Das Grundstück ist schon ewig verwahrlost. Sträucher und junge Bäume ranken durcheinander und es liegt deutlich unter der Höhe der Straße. Früher stand hier ein altes Haus. Es stand gut und sicher, allerdings unbewohnt. Doch anstatt es zu renovieren, zu vermieten und wieder bewohnbar zu machen, hat man es abgerissen, um das Grundstück für einen neuen Hausbau zu verkaufen. Doch nach dem Abriss gab es eine schreckliche Erkenntnis: Der Boden auf dem das Haus stand ist absolut versumpft. Trotzdem gab es am alten Haus nie Schäden deswegen, keinerlei Probleme. Doch jetzt ist das Grundstück unbebaubar, weswegen es niemand kauft und langsam aber sicher immer unansehnlicher wird. Dumm gelaufen…
Ein Stück entfernt sehe ich meine Ziel: Den Kindergarten. Der Weg ist mir wohl bekannt, ich bin sogar selbst früher in genau diesen Kindergarten gegangen. Lang ist der Weg auch nicht und trotzdem habe ich heute allerlei wundersame Sachen gesehen. Sie sind mir trotz des Nebels aufgefallen, vielleicht genau deswegen. Das eigene Auge wird dadurch, dass man weniger sieht, vielleicht viel fähiger kleine Details zu erkennen. Es wird möglich, dass einem Sachen auffallen, die man vorher nicht mal wahrgenommen hat, nur weil man diesmal nicht von so vielen Reizen überflutet wird.
Ich habe mir auch mehr Gedanken über das Gesehene gemacht als sonst. Irgendeine Blockade in meinem Kopf ist verschwunden. Oder umbaut, ich weiß es nicht. Aber es ist gut.

Musik aus.

Das Teelicht

Ein Teelicht wird angezündet. Der Docht beginnt langsam zu brennen. Die Flamme ist erst klein und muss sich erst entwickeln, kein Lufthauch darf sie stören. Sonst würde die Flamme wieder erlöschen. Nachdem diese erste Hürde genommen ist, beginnt das Wachs zu schmelzen. Manche Partikel des Wachses schmelzen durch die Flamme, manche durch andere Wachsteilchen, die warm genug sind. Entweder man wird durch die Hauptursache erweicht oder durch deren Folgen. Es ist wie eine Infektion, die sich ausbreitet. Doch ist diese Infektion nicht zwingend was Schlimmes. Nur manchmal sieht sie die Vernunft als schlimm an, doch das Herz wehrt sich nicht gegen diese Infektion. Durch das warme Wachs wird auch das Aluminium, das das Teelicht umgibt heiß, man sollte das Teelicht also nicht anfassen, sonst verbrennt man sich die Finger.
Für die Kerze gib es nun zwei Möglichkeiten: Entweder sie brennt bis an ihr Ende, wenn alles Wachs aufgebraucht ist oder sie erlischt frühzeitig. Meistens wird das Teelicht vorher ausgepustet. Das Wachs erstarrt wieder, beinahe so schnell, wie es vorher geschmolzen ist. Doch das Aluminium bleibt noch eine Weile heiß. Man kann sich am Teelicht beinahe so lange verbrennen, wie das Wachs braucht, um zu erstarren.
Dort steht das Teelicht, mein Teelicht. Der Docht schwarz angesenkt, kaum Wachs geschmolzen. Und trotzdem sieht der Docht so aus, als wäre er schon tausendmal entzündet worden. Doch waren dies immer nur Funken, die sich einbildeten das Teelicht entzünden zu können. Wirklich entzündet haben dieses Teelicht erst wenige Feuerzeuge, manchmal auch Streichhölzer. Manche Streichhölzer konnten selbst kaum lang genug die Flamme halten, manche entzündeten die Kerze nur kurz. Und selbst die Streichhölzer explodierten in der eigenen Hand oder löschten selbst das Feuer.
Mein Teelicht ist erloschen. Mein Wachs ist erstarrt. Der letzte Versuch es zu entzünden hat das Teelicht so hart mitgenommen, dass der Docht gebrochen ist. Hoffentlich wird mir bald ein Feuerzeug in die Hand gedrückt, welches das Teelicht entzündet, denn selbst eines zu suchen, bin ich satt.

Eine Ode an die Musik

Ich gehe durch die Straßen. Ich habe ein Ziel vor Augen: das Internat. So weit ist es nicht: 20 Minuten Fußmarsch. Ein grauer Herbsttag. Es nieselt…
Ich gehe weiter, den ganzen Tag ist es schon so nassfeucht. Ich sehe keine Sonne, aber doch das Licht, wenn auch eines, das von mir kommt und nicht woanders her. Ich trete in Pfützen. Die Schuhe durchweichen. Ich fühle, wie meine Füße nasskalt werden. Ein beschleichendes Gefühl, als wüsste man, dass man am nächsten Tag krank würde, aber das interessiert mich nicht. Der Niesel legt sich wie ein nasser Film auf mein Gesicht. Es regnet…
Die Tropfen werden größer, der Regen heftiger. Er peitscht mir ins Gesicht, aber es interessiert mich nicht. Mein entschlossener Blick ist für manche nur beängstigend, für manche zeigt er Geradlinigkeit, für mich ist er einfach nur das, was ich gerade fühle. Für mich ist es einfach nur ich, in einer meiner Facetten. Schließlich hat jeder Facetten, alle sind unterschiedlich, doch gehören sie alle zu einem großen Gesamtbild. Der Regen kriecht mir in den Nacken. Ich spüre, wie mir der Regen den Rücken hinunterläuft. Er ist kalt und man fühlt sich eigentlich unbehaglich, aber für mich zeigt er nur, dass es Sachen gibt, die oberflächlich betrachtet schlecht scheinen, aber eigentlich einen schönen Hintergrund haben. So weiß ich, dass diese Tropfen wieder verdampfen, egal wie viele es sind, egal wie nass und klamm ich mich fühle. Die Tropfen dringen in meine Kleidung, aber die kann ich wechseln. Und so, wie ich die Kleidung wechseln kann, kann ich meinen Körper im Warmen trocknen, aber wechseln kann ich ihn nicht, doch das ist auch nicht nötig, sobald er sich durch Trocknen regenerieren lässt.
Ich laufe, ich bin nass, ich singe laut. Alle Leute schauen mich komisch an, wie man in der Fußgängerzone denn nur so innig und laut singen kann, aber es interessiert mich nicht. Die Musik, die ich singe, gefällt mir. Sie ist das, was meinen entschlossenen Eindruck hervorruft, die meine Unbekümmertheit provoziert. Nichts interessiert, ich fühle mich wohl in einem Moment, der bei anderen Menschen Unbehagen hervorruft. In diesem Moment ist diese Musik meine Facette. Die Musik gehört zu mir und somit gehört die Facette zu mir. Sie ist ein Teil von mir, wie meine Familie, meine Charaktereigenschaften, meine Vergangenheit.
Ich höre Musik. Ich singe Musik. Ich liebe Musik. Ich lebe Musik…